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University of Bayreuth Centre of International Excellence "Alexander von Humboldt"

Bayreuth Humboldt Centre

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Meet the Grantee: Thomas Wallnig

Sie haben einige Disziplinen angesprochen, mit denen Sie sich auseinandersetzen und mit denen Sie zusammen-arbeiten: die Daten-Wissenschaften, die Geschichtsdidaktik; Sie sind Historiker und Literaturwissenschaftler und haben den linguistic turn im Blick. Inwiefern spielen noch weitere Disziplinen eine Rolle in Ihrer Zusammenarbeit?

SB: Wir werden auch die Bilderwelten des 17. Jahrhunderts einbeziehen, also mit multimedialem Text arbeiten. Dadurch ergeben sich schöne medienwissenschaftliche Fragestellungen, z.B. welche Daten erhalten wir aus den Geschichtskarten des 16. Jahrhunderts und wie beeinflussten sie das Geschichtsbild? Ein Teil der Relevanz unserer Tätigkeit liegt auch darin, Sensibilität für digitale Daten und deren Zustandekommen zu erzeugen. Ich frage Thomas immer wieder: Was macht das Programm da jetzt eigentlich? Warum sind das nun 20 Wörter und nicht elf oder was passiert, wenn ich das jetzt verändere? Oder was bedeutet diese Reihenfolge der Wörter? Also diese ganzen kritischen Fragen bilden den Bildungsprozess ab, wie wir Dinge erfahren und sie interpretieren können.

TW: Das Operieren mit den traditionellen akademischen Disziplinen funktioniert bei uns nicht einwandfrei. Wir arbeiten eigentlich transdisziplinär. Netzwerkanalytische Verfahren sind mathematische Verfahren, die innerhalb eines abstrakten Netzwerks Mengen an Verbindungen messen. Und die kommen in ganz unterschiedlichen Disziplinen zum Einsatz: in der Molekularbiologie, in den Ingenieurwissenschaften, in den Sozialwissenschaften. Das heißt, alle arbeiten mit einem gewissen Grund-Werkzeugkasten an Berechnungsmethoden, wenden sie aber unterschiedlich an. Gleichzeitig können diese Verfahren nicht nur mit Personen oder Genen rechnen, sondern auch mit Wörtern. Und da sind wir mitten in der Computerlinguistik, man hat immer noch eigentlich dasselbe Toolkit, wendet es aber in einem anderen Bereich an, der die einzelnen Elemente der Berechnung in ein anderes epistemisches System übersetzt. So gesehen reden wir auf zwei Ebenen: einerseits auf der Ebene der mathematisch-statistischen Grundannahmen und andererseits über einen fruchtbaren transdisziplinären Austausch zwischen Anwendungsbereichen, die aber nicht zwangsläufig akademischen Disziplinen entsprechen müssen.

Ich lerne also laufend, Probleme zu formalisieren und das Funktionieren der Software zu beurteilen. Bei Gephi und der Netzwerkanalyse kann ich das relativ gut erklären. Beim Topic Modeling hängen wir beide noch bei der Frage, wie probabilistische Modelle von Wort-Kookkurrenzen erzeugt werden. Und wir beschäftigen uns dann auch mit Tutorials auf YouTube (lacht). Es ist eine Laborsituation, in der experimentelle Versuche stattfinden, die wir immer auch rekalibrieren müssen.

Jetzt arbeiten Sie für das Projekt mit digitalen Daten, die zeit- und ortsunabhängig existieren: Was bedeutet gerade für Sie internationale Forscher*innen-Mobilität? Sie war und ist immer noch stark eingeschränkt; die großen Wissenschaftsorganisationen überlegen sich, wie Austauschprogramme weitergeführt werden sollen. Was bedeutet es für Sie als Forscher mobil zu sein?

SB: Für mich als Historiker war es immer wichtig, den Objekten, mit denen ich mich auseinandersetze, im Original zu begegnen, im Archiv, in Museen, in historischen Bauten. Auch in der Fachdidaktik ist es wichtig zu vermitteln, wie zentral die originale Begegnung ist. Es ist ein Unterschied, ob Sie eine Fotografie vom Kölner Dom ansehen oder auf der Kölner Domplatte stehen und dann die fünfstöckigen Häuser daneben sehen, und sich dann überlegen, wie das im 13. Jahrhundert war. Das Original vor Ort ist durch nichts zu ersetzen. In der Not haben wir zwar gelernt, mit digitalen Tools umzugehen. Für Geisteswissenschaftler*innen bleibt aber der soziale Brauch von Tagungen sehr relevant, nicht so sehr die Vorträge selbst, sondern das Drumherum, da passiert viel. Die Covid-Krise ist sicherlich für manche Entwicklungen Katalysator, aber an der hohen Relevanz des Begriffs ‚Authentizität‘ in der heutigen Geschichtskultur merkt man, dass die Aura des Originalen, die diese Authentizität vermittelt, für alle Arten von Geschichtsbegegnungen absolut notwendig ist.

TW: Ich bin aus der Generation Erasmus und kann nur bestätigen, dass die hohe Akzeptanz der Europäischen Union in dieser Generation in einem bestimmten gesellschaftlichen Segment unbedingt mit der Mobilität zusammenhängt. Forscher*innenmobilität ist essenziell und aus meiner Sicht auch Voraussetzung dafür, dass die akademische Landschaft trotz sehr vieler Probleme ein safe space für eine bestimmte Form von Kosmopolitismus und wissensgestützter evidenzbasierter Weltoffenheit ist und auch bleiben kann. Mit Blick auf die erstarkenden Gegenbewegungen tun wir gut dran, das zu kultivieren. Aber wir müssen aufpassen, dass das nicht zerfleddert, dass es nicht ins Uferlose geht, in der Illusion, überall mit allen jederzeit verbunden sein zu können. Der eigene Kosmopolitismus nutzt in den dominierenden Machtstrukturen der Universität zu Hause sehr wenig – Mobilität, also eine Professur anderswo ja, aber eine Abwesenheit durch ein längeres Fellowship, das ist schon schwierig.

Deswegen finde ich diesen Short Term Grant sehr angenehm, weil er genug Raum bietet, denn es ist anders in Präsenz: Man hat einen längeren Entwicklungsgang von Gedanken. Man greift sie am nächsten Tag wieder auf. Es ist ein konzentriertes Zusammenarbeiten mit einem Kollegen, der sich selbst und auch institutionell committed. Wir haben dank Stefan in diesen Tagen viele interessante Gespräche mit Leuten hier vor Ort führen können, die sich Zeit nehmen und interessieren. Und der anstehende Workshop ist eine schöne Möglichkeit, das zusammenzuführen. Diese mittlere Fallhöhe bringt wirklich etwas, es bringt Resultate, ist strukturiert und ergebnisorientiert und man trifft sich nicht nur zu einem netten Plausch. Auf der anderen Seite ist man auch nicht verheiratet (lacht).

SB: Auch für mich als Host ist der Short Term Grant die große Chance, einen deutlichen Schritt weiter zu kommen und neues Terrain zu betreten. Im Alltag leiste ich mir keine Experimente. Jetzt kann ich in die Digital Humanities abtauchen. Zumal in meiner Position als Akademischer Direktor, in der ich nicht in den Genuss eines Forschungssemesters komme. Wenn wir rein digital arbeiten würden, wäre der Alltag an der Heimat-Universität zu präsent.

TW: Vor der Covid-Krise litten viele Kolleg*innen unter einer sich immer schneller drehenden Konferenz- und Tagungs-Spirale. Daher halte ich es für sehr gut, wenn man produktive Situationen für Kooperationen vor Ort schafft, Quellen mitbringt und zusammen erarbeitet. Statt einer Konferenz machen wir einen Workshop, erarbeiten und diskutieren etwas und treffen uns anschließend auf ein Bier mit Kolleg*innen, die das auch interessiert. Es nimmt das Toxische und Mühsame raus, und ich finde es großartig, wenn es Formate wie den Short Term Grant gibt, die das unterstützen.

Als wir im Oktober 2020 den Antrag gestellt haben, war überhaupt nicht absehbar, wie das nächste Jahr sein würde. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass wir ein Zeitfenster mit niedriger Inzidenz und guten Reisevoraussetzungen erwischt haben. Wir genießen umso mehr die Flexibilität des Humboldt Centre, das den zweiten Aufenthalt im Oktober ermöglicht.

SB: Ich freue mich auch sehr darauf, dass es im Oktober weitergeht. Und wir das Ganze auf der bisherigen digitalen Basis thematisch erweitern und andenken können. Wir haben schon viel klarere Konturen, aber das ist ja das Beste an der Wissenschaft: dass es immer weitergeht.

Der erwähnte Workshop „Digitale Werkzeuge und Methoden zur Textanalyse: Eine Einführung“ findet statt am 4. Oktober, 13:45-16 Uhr. Der Zugang wird am Tag der Veranstaltung auf dieser Website hinterlegt sein – Interessierte sind herzlich eingeladen!

Der Grantee und sein Host

Thomas Wallnig studierte Geschichte und Italienisch an den Universitäten Graz, Pisa, Turin und Wien, wo er sich 2016 für Geschichte der Neuzeit habilitierte. Er leitete und leitet von dort aus mehrere größere Forschungsprojekte und internationale Forschungsnetzwerke in den Bereichen vormoderne Ideen- und Wissenschaftsgeschichte sowie Digital Humanities. 2021 hatte er neben dem Humboldt-Short-Term-Grant der Universität Bayreuth auch Gastprofessuren an den Universitäten Padua (IT) und Klagenfurt (AT) inne.

Stefan Benz studierte Geschichte, Germanistik, Pädagogik und Psychologie für das Lehramt an Gymnasien in Erlangen und Wien. Nach dem zweiten Staatsexamen arbeitete er sechs Jahre im bayerischen Schuldienst und promovierte nebenbei an der Universität Erlangen über die Geschichtsschreibung von Katholik*innen in der Frühen Neuzeit – ein Thema, das unterdessen zu einer gewaltigen Datenmenge geführt hat… 2001 nahm er seine Lehrtätigkeit für Geschichtsdidaktik an der Universität Bayreuth auf und habilitierte sich an der Universität Passau für dieses Fach und Geschichtstheorie.

Mirjam Horn-Schott


Verantwortlich für die Redaktion: Susanne Lopez Enriquez

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